Trekking als Familienerlebnis

12. November 2016

Tages Anzeiger: Wilde Fahrt durch Lapplands Winterwelt

Die Zürcherin Lotti Meier betreibt in Nordschweden eine Lodge mit 14 Plätzen für Eisfischer oder Schlittenfahrer. Ihre 80 Huskys sind die grosse Attraktion. Wehe, wenn sie losgelassen!

«Bremsen und den Schlitten festhalten.» Wie ein Mantra wiederholt Lotti Meier die eiserne Regel für Gefahrensituationen, wobei ihre Stimme im Geheul und Gebell der 80 Huskys fast untergeht. Wir sind in der Snowtrail Dogcamp Lodge, mitten in Schwedisch-Lappland, rund 150 Kilometer nördlich des Polarkreises zwischen den Kleinstädten Kiruna und Gällivare. Die reine Wildnis, keine Strasse führt zum Anwesen, kein Laden ist in der Nähe, Temperaturen von minus 20 Grad. Hier, wo sich Elch und Hase Gute Nacht sagen, lebt die 62-Jährige seit über 20 Jahren und leitet ein Hundecamp.

Noch bleiben die Schlitten an Pfosten festgebunden. So wie man das Seil löst, erinnert man sich an die Warnung Lotti Meiers. Die vier Huskys spüren keinen Widerstand mehr und schiessen los, dem Führungsschlitten hinterher. Mit offener Schnauze und heraushängender Zunge stieben sie die 20 bis 40 Kilometer langen Trails entlang. Ein herrliches und unbeschreibliches Gefühl. Die Fahrt geht über einen zugefrorenen See, durch schneebeladene Birken- und Fichtenwälder – hinein in die unendliche Weite des Nordens.

Trotz der einmaligen Landschaft sollte der Schlittenführer die Hunde ständig im Auge behalten. Das Gespann ignoriert Bodenwellen und herunterhängende Äste und jagt mit vollem Tempo durch Kurven und Schneisen. «Jeder kippt mal mit dem Schlitten um», hat Lotti lachend gewarnt. Dann gilt: Bloss nicht das Gefährt loslassen. Die Huskys stürmen weiter. Sich am Gefährt festzubinden, ist zu gefährlich, die Hunde würden einen einfach mitschleifen. Bremsen kann der Pilot mit einer Eisenkralle, die er am Schlittenende mit dem Fuss in den Schnee rammt. Zurufen und den Hunden Kommandos geben – sinnlos für Laien. Die Huskys rennen der «Leitwölfin» hinterher, in diesem Fall Lotti Meier. Sie sitzt im vordersten Schlitten und bestimmt als Musher Tempo und Route.

Kalte Betten in Kiruna

So wild und unbändig sich die Hunde im Schlittengespann gebärden, so anhänglich sind sie gegenüber Menschen. Mit einer gehörigen Portion Respekt stehen wir zu Beginn der Schlittenfahrt in einem der vielen Zwinger. Die Huskys sind zu zweit untergebracht. «Keine Angst, sie beissen nicht», beruhigt Lotti. Im Gegenteil, sie sind ausser sich vor Freude, wenn sie «Besuch» bekommen. Schnell sucht so ein Geselle Körperkontakt, springt an einem hoch und schleckt begeistert die Hand. Genug geschmust. Mit einem resoluten Griff packt Lotti zwei Huskys am Halsband und geht zum bereitgestellten Schlitten. Dort zieht sie ihnen das «Gstältli» über und spannt sie ans Leitseil des Schlittens. Die Huskys begleiten die Vorbereitungen mit lautem Bellen und können es kaum erwarten, lospreschen zu dürfen.

Wir besuchen, ohne Hunde, Kiruna, Schwedens nördlichste Stadt. Der Bergbauort, in dem seit 1900 Eisenerz gefördert wird, ist klein und übersichtlich. Die eigenwillige Holzkirche aus dem Jahr 1912 gilt als touristische Attraktion, das Icehotel etwas ausserhalb der Stadt ist weltweit bekannt. Es besteht ganz aus Eis. Die Gäste schlafen gar auf einem Bett aus Eis. Die kalten Betten sind mit Rentierfellen und Decken ausgestattet, die Zimmer mit Strom versorgt.

Eine Alternative oder Ergänzung zur Hundeschlittenfahrt ist das Eisloch­fischen in einem der vielen Seen. Nach einem eineinhalbstündigen Fussmarsch durch die Schneelandschaft gelangen wir zum See. Der Guide, der das nötige Material mit einem Schneeschlitten transportiert, zeigt, wie man mit einem Eisbohrer ein Loch ins Eis bohrt. Ein­gemummelt in ein wärmendes Rentierfell sitzt jeder Gast vor einem kleinen Loch und lässt den Angelhaken ins Wasser gleiten. Die Beute fällt gering aus: Nur ein einziger Egli beisst an. Dafür können wir uns später am Feuer wärmen und werden verpflegt mit Suppe und Steckenbrot.

Lotti Meier aus Meilen am Zürichsee wohnt seit über 21 Jahren in der Lodge in der kleinen Gemeinde Skaulo. 1995 hatte die Modezeichnerin in einer Midlife-Crisis gekündigt und war mit ihrer damaligen Liebe nach Nordschweden gezogen. Seit zwölf Jahren führt sie den Betrieb allein. Hochsaison herrscht im Winter, wenn die 14 Plätze im Snowtrail Dogcamp ausgebucht sind. Sieben Mitarbeiter betreuen die Gäste. Auf den Tisch kommen einheimische Spezialitäten: geschnetzeltes Rentierfleisch an Rahmsauce, Elchbällchen mit Reis oder Hecht aus einem der vielen Seen in der Umgebung. Im Sommer fungiert die Lodge als Bed-and-Breakfast-Betrieb.Meiers Snowtrail Dogcamp hat sich vom einfachen Holzhäuschen in der Wildnis zu einem kleinen Dorf entwickelt. Im Haupthaus wohnt die Chefin mit den Gästen, daneben gibt es ein kleines Holzhaus für die Angestellten sowie eine Hütte für den Stromgenerator und das Hundefutter. Die Sauna liegt direkt am See. Die über 80 Alaska-Huskys haben, anders als die uns bekannteren sibirischen Huskys, einen unglaublichen Bewegungsdrang und immer noch eine gehörige Portion Wolfsgen: So wagt sich die Hauskatze wohlweislich nicht in die Nähe der Hunde.

Lotti Meier bietet in den achttägigen Ferienarrangements verschiedene Levels an. Wir erhalten im Kurs «Husky-Abc – Hundeschlitten für Anfänger» eine Einführung, lernen, die Tiere anzuspannen, den Schlitten zu fahren und vor allem ihn festzuhalten und abzubremsen, wenn die Jagd zu toll wird.

Die Reise wurde unterstützt von Hauser-Exkursionen. (Tages-Anzeiger)