Wanderreise Montenegro-Albanien

14. June 2013

Neue Zürcher Zeitung: Wanderreise Montenegro-Albanien

In einem Land vor unserer Zeit

In den Nordalbanischen Alpen stösst man auf wahre Überlebenskünstler

Dort, wo in den Albanischen Alpen Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen, liegt Theth, ein Dorf, in dem die deutsche Entwicklungshilfe den Tourismus fördert.

Franz Lerchenmüller

Kein Schlagbaum und kein Grenzbeamter, lediglich ein Steinblock mit der Aufschrift RPSSH, Sozialistische Republik Albanien. So präsentiert sich auf 1200 Meter Höhe die Grenze zwischen Montenegro und Albanien. Sie verläuft mitten durch das Prokletije-Gebirge, das auf montenegrinischer Seite Verwunschene Berge, auf der anderen Albanische Alpen heisst – eine der wohl unbekanntesten und unzugänglichsten Regionen Europas. Unter tief hängenden Wolken ragen graue Zacken empor, der Wind rauscht von den Sieben Türmen her, und in der Ferne erhebt sich der Arapi, das «Matterhorn Albaniens».

Hoffen auf den Tourismus
Über einen steilen, aber gut markierten Pfad geht es hinab ins Tal von Theth. Nik, unser albanischer Führer, begrüsst seinen Landsmann Prek, einen Bartträger mit gewaltig tiefer Stimme. Bei ihm übernachteten schon vor 50 Jahren Bergsteiger. Und seit 8 Jahren entwickelt die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in Theth den Tourismus. Sie liess Wanderwege markieren, erstellte eine Karte und gab einigen Familien Kredite, um ein WC einbauen und Möbel anschaffen zu können.
Auch Prek nutzte die Chance. Heute wartet sein geräumiges neues Haus im traditionellen Stil auf Gäste. Das Innere, in Holz gehalten, strahlt eine warme Atmosphäre aus. Zum Abendessen gibt es Nudeln, Kartoffeln und ein paar Stücke Lamm. Dazu Börek, eine Teigtorte mit Käse und Ei, Joghurt und frische Tomaten. Später am Lagerfeuer erzählt Nik, der sich im Umgang mit Touristen ein ausgezeichnetes Englisch beigebracht hat, von der Korruption im Land, von desillusionierten, aber auch zum Durchhalten entschlossenen Jugendlichen und von den Hoffnungen, die viele mit dem Tourismus verbinden. Einst lebten etwa 20 000 Menschen im Tal. Heute seien es nur noch rund 15 Familien.
Viele von denen, die abgewandert sind, kämen aber für den Sommer zurück. Aus den ursprünglich 10 Gästehäusern sind inzwischen 20 geworden. Und die 1872 erbaute katholische Dorfkirche konnte dank Unterstützung durch US-Albaner bereits restauriert werden. Dennoch fühlt man sich hier wie in einem Land vor unserer Zeit: Männer mähen mit der Sense, Frauen, ganz in Schwarz, holen in Kannen Wasser, zwischen steinigen Wiesen und Heuhaufen erheben sich schmale, hohe Häuser aus Feldstein.
Doch es gibt auch echte Sehenswürdigkeiten in der Nähe: Von der Höhe rauscht der Grunasi-Wasserfall. Im Blauen Auge, einem verträumten See, kühlt ein Bauer Softdrinks und Bier für verschwitzte Wanderer. Und in der Schlucht von Nderlysa hat der Schwarze Bach den Kalkstein so ausgefressen, dass die roten Felsen sich reihen wie Knochen auf einem Saurierfriedhof.
Durch Geröll geht es tags darauf bergauf, die Wand des Arapi schimmert in der Morgensonne wie geschmolzenes Zinn. Blaues Licht fällt schräg zwischen uralte Baumriesen, in die Generationen von Bergbewohnern ihre Initialen geritzt haben. Fast ehrfurchtsvoll wandert man durch die Kathedrale aus knorrigen Buchen, die mit grauen Flechten bewachsen sind. Nik wird später die Gipfel ringsum aufzählen. Benannt wurden sie nach einer Hochzeitsgesellschaft, die in einem Schneesturm erfroren war, nachdem sie die Braut aus dem Nachbartal abgeholt hatte.

Schillernde Lebensgeschichte
Zwei Schäfer sind mit ihren Enkeln unterwegs. Sie suchen nach Schnee, um diesen mit Beeren und Zucker zu Eis zu mischen. Weiter unten hat Pjeter mit seinem Onkel aus Stämmen eine Bar gezimmert. Während er türkischen Kaffee aufbrüht, erzählt der 35-Jährige eine dieser exemplarischen Lebensgeschichten von heute: Vor 10 Jahren war er über Mazedonien, Madrid und die Dominikanische Republik bis nach Cancun´ in Mexiko gereist, um von dort zu Fuss illegal nach Texas einzuwandern. Pjeter wurde erwischt und kam ins Gefängnis, Später erhielt er politisches Asyl und arbeitete in New York auf dem Bau. Nach 5 Jahren zog es ihn zurück in die Heimat. «Ich bin ein Mensch, der andere glücklich sehen will», sagt er. Und beweist damit, dass die Menschen aus den Albanischen Alpen eben äusserst zäh sind. Vielleicht kann der Tourismus ja wirklich etwas Hilfe bringen. 

GUT ZU WISSEN
Reiseverlauf: Die hier beschriebene Reise lässt sich nur schwer auf eigene Faust durchführen. Sie dauert neun Tage und führt von Montenegro nach Albanien und an den Skadarsee, schliesslich zurück nach Montenegro. Start- und Schlusspunkt bildet die Ortschaft Podgorica. Eine gute Kondition und Trittsicherheit sind erforderlich, die Gehzeiten betragen zwischen vier und sieben Stunden am Tag. Das Gepäck wird transportiert.
Veranstalter: Veranstaltet wird die Tour vom deutschen Wanderreisen-Anbieter Hauser Exkursionen. Im Reisepreis von 1495 Euro sind der Hin- und der Rückflug enthalten. Einzelzimmer stehen nicht immer zur Verfügung. Termine für 2013: 6. Juli bis 14. Juli, 24. August bis 1. September. Detaillierte Informationen unter: www.hauser-exkursionen.de; www.bandbtravel.ch.