6. March 2015

Abtauchen im Oman

Swiss Magazin - Von Gero Günther

Heiss ist es im Sultanat. Zum Glück für Aktivurlauber hält das Gebirgsland überraschende Erfrischungen parat. Einige besonders aufregende Wandertouren im Test.

Es ist sieben Uhr, als wir die Rucksäcke schultern. Said will den Aufstieg aus dem Wadi Tiwi in den kühlen Morgenstunden schaffen. Durch grobes Geröll windet sich der Pfad aus der tiefen Schlucht auf die Hochebene. Trotz der scharfkantigen Steine stecken die blossen Füsse unseres Guides in einfachen Sandalen. Wanderschuhe würden seine Hornhaut zu sehr verzärteln, sagt er und lacht: "Früher sind wir alles barfuss gegangen."

Karg ist die Berglandschaft, durch die wir marschieren. Blanker Fels, aus dem hie und da ein dorniges Büschel wächst. Im Osten verschwimmen Meer und Himmel zu einem intensiven Blau. Ein extremes Land von kompromissloser Schönheit. Am frühen Nachmittag haben wir unseren Übernachtungsort erreicht, ein paar Häuser, Palmen, Vieh. Knapp ein Dutzend Einwohner hat die kleine Oase Ghamb. Ein gemauertes Bassin bildet den höchsten Punkt der Siedlung. Alle paar Stunden wird die Schleuse geöffnet, damit das Quellwasser durch ein ausgeklügeltes Kanalsystem in die Gärten sprudeln kann. Weil Said im Nachbardorf aufgewachsen ist, kennen ihn alle. Den lähmend heissen Nachmittag verbringen wir auf einer Veranda. Sie ist komplett mit Matten ausgelegt. Winzige Tassen stark gewürzten Kaffees werden gereicht, Datteln und Melonen. Am Abend gibt es dann Reis mit Gemüse und Fisch, den wir mit den Händen gemeinsam aus einer Schüssel essen. Was für eine wunderbare Gastfreundschaft! Irgendwann in der Nacht taucht Saids Freund Hashel auf. Der hagere Mann will uns am nächsten Morgen durch die Schlucht begleiten. Hashel kennt das Wadi Shab haargenau. Er hat hier früher seine Ziegen geweidet und wochenlang in Grotten geschlafen.

Erfrischung gefällig? Einen Weg gibt es nicht wirklich. Wir wandern im Sand und Kies des ausgetrockneten Flussbetts, klettern über Felsen, die im Laufe der Jahrtausende glattgewaschen wurden. Sobald ein Rumpeln oder Krachen zu hören ist, ducken sich Hashel und Said blitzschnell gegen die Felswand. Steinschlag und Springfluten sind die grössten Gefahren in den Canyons des Oman. Während wir uns zwischen den schroffen Felswänden hindurchkämpfen, erzählen unsere Guides vom Alltag der Hirten und Oasenbewohner. Es wird heisser und heisser. Längst haben wir uns Tücher in den Nacken gelegt, halten immer häufiger, um zu trinken und uns mit Datteln zu stärken. Als wir nach fünf Stunden die Gumpen im unteren Teil der Schlucht erreichen, tauchen wir sofort im türkisen Wasser unter. Es gibt hier sogar eine Grotte, in die man durch einen schmalen Gang hineinschwimmen kann. Ein überwältigendes Gefühl, begleitet von zahlreichen Jauchzern. Wer rechnet schon mit so einer Erfrischung mitten in einem Wüstenland!

Kein Wunder, dass Canyoning oder Schwimm-Trekking zu den Höhepunkten jeder Oman-Aktivreise gehören. Besonders an heissen Tagen. Noch besser gefällt uns das Wadi Bani Khalid unweit der Küstenstadt Sur. Gleich am Anfang gibt es hier spektakuläre Pools, in die sich die Jungs aus dem nahegelegenen Dorf per Kopfsprung stürzen. Sie haben einen Riesenspass, springen zu viert, fünft. Wir müssen weiter - immerhin ist das Wadi fast zehn Kilometer lang. Mal kletternd, mal watend, mal schwimmend kommen wir voran. Rechts und links ragen gigantische Felswände in die Höhe, gewaltige Steinbrocken haben sich am Talboden verkeilt. Ganz klein ist der Wanderer hier, während er im limettengrünen Wasser schwebt.

3000 Meter hohe Berge, Hochplateaus mit duftenden Rosengärten, Fjorde, Weihrauchbäume und Gazellen - Oman ist ein abwechslungsreiches Land. Einmal übernachten wir in den Dünen der Wahiba-Wüste, am nächsten Tag an der Steilküste, dann in der Gebirgsoase Misfat al-Abriyeen. Vor Sonnenaufgang spazieren wir durch die Oasengärten. Treppauf und treppab. In den Kanälen gluckst das Wasser, Vögel zwitschern, Bauern schneiden Gras für ihre Kühe. Palmen, Granatäpfel, Zitronen und Mangos wachsen in Misfat. Man kommt sich vor wie im Alten Testament, nur dass die Propheten mit Mobiltelefonen kommunizieren und Geländewagen fahren. Zum Frühstück gibt es in unserer Herberge frischgepressten Saft und Pfannkuchen mit Dattelsirup. Ein Weihrauch-Brenner glimmt leise vor sich hin. Jetzt noch ein paar Tassen Kaffee mit Kardamom und schon kann es weitergehen  zur nächsten Wanderung. Aufregende Touren gibt es wahrlich genug im Land der freundlichen Omanis.